Projektidee

Wussten Sie, dass Geflüchtete in den 1920er Jahren als „lästige Ausländer“ ausgewiesen wurden? Dass erstarkende populistische Parteien die Ängste der Bevölkerung nutzten, um ihre völkischen Ideen zu verbreiten? Dass in Preußen und Bayern in der Zeit der ersten deutschen Demokratie bereits Konzentrationslager für abzuschiebende Migranten eingerichtet wurden?

Um diese und viele andere Fragen geht es in unserem Projekt. Unter dem Titel „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben – „Lästige Ausländer“ in der Weimarer Republik“ haben Studierende der Universität Heidelberg in einem Lehrprojekt unter Leitung von Nils Steffen historische Dokumente, Briefe, Parlamentsdebatten und Zeitungsartikel aus den Archiven und Bibliotheken der Region aufgespürt, die dieses fast vergessene Kapitel der Migrationsgeschichte wieder sichtbar machen. Das Lehrprojekt ist angesiedelt an der Professur für Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History von Cord Arendes, denn es geht nicht nur um studentische Forschung, sondern auch um deren Vermittlung. So haben die Studierenden unter Leitung von Wolfgang G. Schmidt (Inszenierung) und Babette Steinkrüger (Dramaturgie) Ideen entwickelt, wie diese historischen Quellen auf der Bühne zum Sprechen gebracht werden können.

Wer war „nützlich“ und durfte bleiben, wer war „lästig“ und musste gehen? Diese Zuschreibungen entschieden in der Weimarer Republik über Schicksale vieler AusländerInnen. Die damaligen Debatten waren nicht geprägt von Begriffen wie Flüchtlingskrise, Wirtschaftsflüchtlinge und Transitzonen, vielmehr bestimmten die „Flüchtlingsplage“, die Figur des „lästigen Ausländers“ und die Einrichtung von „Konzentrationslagern“ den öffentlichen Diskurs – eine Folge der Neuordnungen nach dem Ersten Weltkrieg, die rund 10 Mio. Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler in Europa in Bewegung setzte. „Grund der Ausweisung: Lästiger Ausländer“ hieß es auf zahlreichen Bescheiden. Ohne Angabe weiterer Gründe konnten die Betroffenen von den Behörden ausgewiesen werden. Rechtsmittel dagegen gab es keine; sie konnten einzig ein Gnadengesuch an die Landesregierung richten. Ihr Schicksal war ein Verwaltungsakt.

Im Rahmen des Lehrprojektes wurden der heute wieder besonders aktuellen Frage nachgegangen, wie die Gesellschaft mit MigrantInnen umging. Wer durfte bleiben und wer musste gehen? Wie agierte die Politik? Wie waren Ausweisung und Abschiebung juristisch geregelt und praktisch durchgeführt? Welchen Einfluss hatte die rigide Ausweisungspolitik der Weimarer Republik auf die individuellen Migrationsbiografien? „Lästige Ausländer“ hatten keine Lobby. Ihr Leben in Deutschland, ihr Kommen und Gehen hinterließ in vielen Fällen kaum Spuren, die heute noch nachweisbar sind.

Eine Spurensuche bedeutet daher zunächst eine Suche nach zeitgenössischen Stimmen über diese Menschen, beispielsweise in der Presse, in Parlamentsdebatten, aber auch in Verwaltungsvorschriften von Polizeibehörden. Um individuelle Schicksale sichtbar zu machen, braucht es jedoch die Stimmen der Ausgewiesenen selbst. Sie sind nur spärlich überliefert, z.B. in Gnadengesuchen an Landesregierungen. Diese enthalten z.T. autobiografischen Skizzen, Gründe für ein Bleiben, Fürsprachen Dritter und die jeweiligen Reaktionen der Behörden darauf.

In einer Reihe von Aktivitäten hat das Projekt Einzelschicksale Geflüchteter und die öffentlichen Debatten über die sogenannten „Ostjuden“ rekonstruiert:

(1) Im Fokus stand die Konzeption und Realisierung einer szenischen Lesung: Studierende entwickelten gemeinsam mit der Theaterwerkstatt Heidelberg anhand didaktischer Maßstäbe ein Konzept zur Vermittlung historischer Forschung. Die Lesung setzt sich zum Ziel Projektions- und Spiegelungsfläche für eigene Erfahrungen und erlebten gesellschaftlichen Wandel in der Gegenwart zu sein. Sie richtet sich an eine interessierte Öffentlichkeit, besonders aber an SchülerInnen und übernimmt damit eine Scharnierfunktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Anhand der Quellen werden Parallelen zur gegenwärtigen Lage von Geflüchteten erkennbar. Zugleich regt die multiperspektivische Quellenauswahl die Methodenkompetenz der SchülerInnen an: Unterschiedliche Meinungen und Haltungen historischer Akteure zeigen die Kontroversität in der Deutung historischer Wirklichkeiten und geben damit kritisch-reflexive Denkanstöße zur Analyse der Gegenwart.

(2) Forschendes Lernen der Studierenden: Die Studierenden entdeckten das Archiv als Labor des Historikers. Die Archivarbeit ermöglicht einen direkten und intensiven Kontakt zu historischen Quellen. Deren ursprüngliche, unbearbeitete Form regt die Suche nach eigenen Fragestellungen an. Das Projekt ermöglichte es den Studierenden, anhand eigener Interessen Fragen an das Material zu formulieren, regionalhistorische Quellen zu kontextualisieren, Parallelen und Diskrepanzen zur Gegenwart zu erkennen und die Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf einem gemeinsamen Workshop der Universität Heidelberg und Hamburg, hatten sie die Möglichkeit, ihre Ergebnisse und Quellen einem Fachpublikum vorzustellen sowie Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Regionalgeschichten zu diskutieren.

(3) Workshops mit SchülerInnen: In Zusammenarbeit mit regionalen Schulen werden Klassen in theaterpädagogischen Workshops ihren Besuch der Lesung vor- und nachbereiten.

(4) Begleitband: Die Forschungen der Studierenden werden gemeinsam mit kommentierten und kontextualisierten Quellen in einem Begleitband veröffentlicht – und damit auch nachhaltig für den Schulunterricht und die Wissenschaft nutzbar gemacht.

(5) DVD: Die Lesung wird aufgezeichnet und zusammen mit verschiedenen Materialen auf einer DVD veröffentlicht. Damit sollen Forschungsergebnisse und Inszenierung auch langfristig für interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Schulklassen zur Verfügung stehen.

Das Projekt wird gefördert durch den Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württembergs.